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RATGEBER

Lippenherpes: Kompaktratgeber 2021

Lesezeit ca. 9 Minuten   Zuletzt aktualisiert am 05.03.2021

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Von Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Stellbrink

Facharzt für Innere Medizin, wissenschaftliche Leitung des Infektionsmedizinischen Centrums Hamburg (ICH)

Lippenherpes kurz zusammengefasst

Lippenherpes ist eine Infektionskrankheit, die vor allem durch engen Hautkontakt oder Körperflüssigkeiten übertragen wird. In der Fachsprache wird er auch als Herpes labialis bezeichnet. Meistens wird Lippenherpes durch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) verursacht. Wer sich einmal infiziert hat, behält das Virus lebenslang im Körper. Das bedeutet: Lippenherpes kann immer wieder ausbrechen, muss aber nicht. Falls Sie betroffen sind, kann die Krankheit nicht nur wegen der unmittelbaren Symptome unangenehm sein, sondern sich z. B. auch auf Ihren Beruf oder Ihre Partnerschaft auswirken.

Damit die Symptome weniger stark auftreten und schneller verschwinden, gibt es Hilfsmittel und Medikamente. Gleichzeitig ist die Forschung dabei, neue und bessere Möglichkeiten für Lippenherpes-Patienten zu entwickeln. So soll Menschen geholfen werden, die unter besonders schweren oder häufigen Ausbrüchen von Lippenherpes leiden.

Erfahren Sie hier alles Wichtige und wie Sie mit Lippenherpes umgehen können.

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ÜBERBLICK

Steckbrief Lippenherpes

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Lippenherpes ist eine Infektionskrankheit, die durch engen Hautkontakt oder Körperflüssigkeiten übertragen werden kann.1 Wiederkehrender, in der Fachsprache „rezidivierender“ Lippenherpes wird meist durch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) hervorgerufen. Wer sich einmal infiziert hat, behält das Virus lebenslang im Körper. Das bedeutet: Der Lippenherpes kann immer wieder ausbrechen, muss aber nicht. Untersuchungen zufolge sind in Deutschland etwa 70-80% mit dem Virus infiziert.2 Falls Sie betroffen sind, wissen Sie, wie unangenehm die Symptome sind und wie diese sich auf das soziale Leben auswirken können.

Zur Behandlung der Herpes-Ausbrüche gibt es verschiedene Möglichkeiten. Am häufigsten kommen sogenannte Virostatika zum Einsatz. In einigen Fällen sollen auch Hausmittel bei Lippenherpes helfen. Insgesamt gibt es für Patienten mit chronischem Lippenherpes allerdings wenige Optionen – sei es gegen die Schwere des Ausbruchs oder die Häufigkeit. In seltenen Fällen hat das Herpesvirus sogar eine Resistenz gegen die Standardmedizin entwickelt. Doch die Forschung ist dabei, neue Behandlungsmöglichkeiten für diese Lippenherpes-Patienten zu entwickeln.

Die wichtigsten Fakten zu Lippenherpes:

Der HSV-1 kann über engen Hautkontakt oder Körperflüssigkeiten übertragen werden.

Eine Infektion mit HSV-1 muss nicht zwangsläufig zu einem Lippenherpes-Ausbruch führen. Nur etwas mehr als ein Drittel entwickeln Symptome.3

Erste Symptome sind bereits nach wenigen Tagen möglich, können aber auch erst sehr viel später auftreten.


Die Beschwerden klingen in der Regel nach etwa zwei Wochen ab. Wird der Lippenherpes bereits bei juckendem Gefühl behandelt, kann sich die Dauer und Schwere des Ausbruchs reduzieren.


Einmal angesteckt, kann Lippenherpes immer wieder ausbrechen, insbesondere unter Stress oder durch starkes Sonnenlicht.


Bei Menschen mit eingeschränktem Immunsystem oder bei kleinen Kindern kann eine Herpesinfektion über die Nervenbahnen bis ins Zentralnervensystem wandern und eine Entzündung des Gehirns, die sogenannte Herpes-Enzephalitis, auslösen.

Wichtig: Die erhältlichen Cremes helfen bestenfalls, wenn sie frühzeitig angewendet werden – und auch dann nicht immer. Darum ist es wichtig, Ihren Lippenherpes-Ausbruch so schnell wie möglich zu behandeln. Hier gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten. Am besten ist es, wenn Sie bereits beim ersten Kribbeln das Mittel Ihrer Wahl mit einem Wattestäbchen auf die betroffenen Stellen auftragen. Während des Ausbruchs sollten Sie ganz besonders auf Hygiene achten. Waschen Sie sich häufiger die Hände, damit Sie das Herpesvirus nicht unabsichtlich auf andere Menschen übertragen.

HINTERGRUNDWISSEN

Was ist das Herpesvirus?

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Lippenherpes wird hauptsächlich durch HSV-1 ausgelöst.1 Neben HSV-1 kann auch Herpes simplex Typ 2 (HSV-2) die Ursache für die schmerzhaften Bläschen im Mundbereich sein. Aber auch eine Kombination beider Virustypen ist möglich

Wie das Virus aufgebaut ist und Zellen infiziert

Herpes-simplex-Viren sind sehr einfach gebaut: Ihr Bauplan, also die DNA, ist von zwei Proteinhüllen umgeben. Über bestimmte Oberflächenproteine erkennt das Virus seine Wirtszelle. Bei einer Lippenherpes-Infektion versucht das Virus, in Hautzellen einzudringen. Das ist leichter an den dünnen Schleimhautzellen möglich, wie sie im Mund- und Genitalbereich zu finden sind. Nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip verschafft sich das Herpesvirus Zugang in die Zelle. Dringt das Virus in die Zelle ein, so programmiert es diese mit seinem Bauplan um, damit sie neue Viren produziert und benachbarte Zellen ansteckt. Am Ende platzt die Zelle auf und setzt viele neue Viren frei. Dadurch breitet sich die Infektion aus. In manchen Fällen gelangen die Viren in die Nervenbahnen, wo sie ruhend verbleiben. Sie können jedoch auch weiterwandern und sich an anderen Körperstellen ausbreiten.

Wie die Bläschen entstehen

Überall dort, wo das Herpesvirus sein Unwesen treibt, muss das Immunsystem reagieren. Die betroffenen Regionen entzünden sich. Die aufgeplatzten Zellen werden aus dem Körper isoliert. Dadurch entstehen die für Lippenherpes typischen Bläschen, die nicht nur schmerzhaft sein können, sondern auch je nach Schwere das Gesicht entstellen können und das soziale Leben erheblich erschweren.

Wer ist betroffen?

Dadurch, dass so viele Menschen das Herpesvirus HSV-1 in sich tragen, ist fast jeder betroffen. Ob der Lippenherpes bei Ihnen ausbricht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Auch, ob und wie oft der Lippenherpes bei Ihnen zurückkehrt kann nicht vorausgesagt werden. Es gibt aber einige Risikofaktoren, die einen erneuten Ausbruch begünstigen.

ÜBERTRAGUNG

Wie stecke ich mich mit dem Herpesvirus an?

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Lippenherpes kann über eine Schmierinfektion oder Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen werden. Während eines Ausbruchs ist die Ansteckungsgefahr besonders groß, denn die Flüssigkeit in den Bläschen enthält ganz viele Viren. Ist der Ausbruch erst einmal überstanden, sinkt das Ansteckungsrisiko. Aber selbst ohne Symptome kann das Herpesvirus übertragen werden, denn die Viren sind auch u.a. im Speichel nachweisbar.

In Deutschland sind daher die meisten Menschen mit dem Herpesvirus infiziert.2 Am häufigsten wird das Virus im Kindesalter durch die enge familiäre Bindung, wie z. B. das Küssen oder Teilen einer Trinkflasche, übertragen. Während der Schwangerschaft wird Lippenherpes nicht auf das ungeborene Kind übertragen. Nach der Geburt kann jedoch ein akuter Lippenherpes-Ausbruch auf das Baby übertragen werden, und zwar nicht nur von der Mutter, sondern auch vom Vater oder anderen wichtigen Kontaktpersonen. Dies kann schwerwiegende Folgen haben.

Eine Infektion mit dem Herpesvirus kann aber auch über Sexualkontakte erfolgen, wenn z. B. der Partner HSV-1 oder HSV-2 in sich trägt. Hier kann z. B. Oralverkehr das Herpesvirus in den Mundbereich oder sogar Genitalbereich übertragen.

Bei einem akuten Lippenherpes-Ausbruch sollte enger Kontakt zu anderen Personen gemieden werden, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Eine gute Hygiene gehört selbstverständlich dazu. Bei ständig wiederkehrendem Lippenherpes kann die Situation auf Dauer jedoch belastend für Partner, Freunde oder Familie sein.

SYMPTOME & VERLAUF

Das passiert beim Lippenherpes-Ausbruch

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Meistens ist der Lippenherpes nur auf den Mundbereich begrenzt. Ärzte sprechen dann von Herpes labialis. Typisch für den Lippenherpes sind unangenehme, bisweilen auch schmerzhafte Bläschen auf der Lippe. Aber auch der Mundwinkel oder sogar die Mundhöhle können davon betroffen sein. Unbehandelt klingen die Symptome nach etwa zwei Wochen ab. Unter Therapie kann die Dauer des Lippenherpes-Ausbruchs etwas verkürzt werden. Teilweise können Virostatika das Auftreten der Herpesbläschen verhindern, wenn sie bei den ersten Anzeichen angewendet werden.

Typischer Lippenherpes-Verlauf

  • Kribbeln und Jucken im Mundbereich
  • betroffene Stellen röten sich
  • mit Flüssigkeit gefüllte Herpesbläschen bilden sich
  • aufgeplatzte Bläschen reißen beim Sprechen oder Kauen ein und verkrusten
  • entzündete Stellen verheilen wieder

Das erste Mal Lippenherpes

Einmal angesteckt, tragen Sie das HSV-1 ein Leben lang mit sich. Nicht immer kommt es zu einem Lippenherpes-Ausbruch. Nur etwas mehr als ein Drittel der mit HSV-1 infizierten Menschen entwickeln Symptome.3

Die Inkubationszeit beträgt bis zu etwa einer Woche, in seltenen Fällen sogar länger. Bei einer Erstinfektion sind die Symptome eher unspezifisch. So können Fieber, Abgeschlagenheit und sogar Kopfschmerzen auftreten, ohne dass sich die für Lippenherpes typischen Bläschen bilden. Daher kann es sein, dass die erste Infektion mit HSV-1 als normaler grippaler Infekt abgetan wird. Bei Kindern können sich Bläschen im Mundinnenraum bilden.

Komplikationen: Wenn Herpesviren außer Kontrolle geraten

In manchen Fällen kann sich das Herpesvirus über die Nervenbahnen in andere Körperregionen ausbreiten oder in Kombination mit anderen chronischen Erkrankungen einen schlimmen Verlauf einnehmen. Hier eine Übersicht an möglichen Komplikationen durch HSV-1:

Blasiges Herpes-Ekzem

Bei Menschen mit Dermatitis-Erkrankungen können blasige Herpes-Ekzeme am ganzen Körper auftreten, auch bekannt als Ekzema herpeticatum. Diese Erkrankung nimmt oft einen schweren Verlauf mit Fieber und Krankheitsgefühl. Bei Kindern oder immungeschwächten Menschen kann die Erkrankung bedrohlich werden und sollte daher immer ärztlich behandelt werden.

Herpes-simplex-Keratitis

Breiten sich die Herpes-simplex-Viren in der Hornhaut des Auges aus, spricht man von einer Keratitis herpetica. Die Entzündung kann entstehen, wenn man z.B. bei einem akuten Lippenherpes-Ausbruch die Augen reibt oder Kontaktlinsen wechselt, ohne vorher die Hände gründlich zu waschen. Am Augenlid entstehen die typischen Herpesbläschen und das Auge hat ein Fremdkörpergefühl. Ähnlich wie Lippenherpes kann Herpes-simplex-Keratitis immer wieder zurückkehren. Unbehandelt kann die Hornhaut vernarben und langfristig das Sehvermögen mindern.

Herpes-simplex-Enzephalitis

Eine gefährliche Komplikation eines Lippenherpes-Ausbruchs ist die Herpes-simplex-Enzephalitis. In diesem Fall wandern die Viren über die Nervenbahnen in das Zentralnervensystem und befallen das Gehirn. Unbehandelt kann die Hirnhautentzündung tödlich verlaufen. Ist die Erkrankung überstanden, bleiben oft neurologische Schäden zurück.

Herpes-simplex-Ösophagitis

Herpesviren können sich auch im Rachen ausbreiten und in die Speiseröhre gelangen. Diese Form von Ösophagitis tritt eher bei Personen auf, die bereits zuvor schon einmal einen Lippenherpes-Ausbruch erlitten haben. Herpes-simplex-Ösophagitis wird häufig durch Kortikosteroide oder Krebstherapien begünstigt. Auch ständiges Sodbrennen und die daraus häufige Entzündung der unteren Speiseröhre kann das Ansiedeln der Herpes-simplex-Viren begünstigen.

Neugeborenen-Herpes

Eine mit Herpes-simplex-Viren infizierte Mutter kann bei der Entbindung das Virus auf ihr Neugeborenes übertragen. Allerdings betrifft dies eher Infektionen mit Genitalherpes, also hauptsächlich HSV-2. Dennoch ist eine Infektion mit HSV-1 möglich. Dies ist dann der Fall, wenn enge Kontaktpersonen des Kindes an einem akuten Lippenherpes-Ausbruch leiden. Da das Immunsystem von Babys noch nicht ausgereift ist, können schwere Entzündungsreaktionen auf der Haut, an den inneren Organen oder auch im Zentralnervensystem auftreten.

DIAGNOSE

Ein Abstrich bringt Gewissheit

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Da der Lippenherpes-Ausbruch bei Erwachsenen „lediglich“ für unangenehme Bläschen im Mundbereich sorgt und recht eindeutig erscheint, suchen viele Betroffene keinen Arzt auf. Viele vertrauen auf Hausmittel oder lassen sich in der Apotheke beraten.

 

Dabei lohnt der Gang zum Arzt, denn in der Differentialdiagnose können zumindest andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. So können wiederkehrende, schmerzhafte Aphthen im Mund Ähnlichkeiten zu Lippenherpes aufweisen. Dabei handelt es sich um kleine Geschwüre im Mund oder auf der Unterlippen-Innenseite, die schmerzhaft und entzündet sind. Aber auch eine unentdeckte Syphiliserkrankung oder eine Infektion mit Herpes zoster (Gürtelrose) können einen Ausschlag im Gesicht hervorrufen.

 

Für eine eindeutige Diagnose reicht eine Blickdiagnose also nicht immer aus. Gewissheit kann ein Abstrich bringen, der bei einem akuten Lippenherpes-Ausbruch abgenommen werden kann. Im Labor wird der Abstrich dann auf Herpesviren untersucht. Liegt keine akute Erkrankung vor, kommen Antikörper-Suchtests zum Einsatz. Diese Tests zeigen an, dass der Körper mit dem Immunsystem bereits auf die Infektion reagiert hat oder sich gerade noch aktiv damit auseinandersetzt.

VORBEUGUNG

Wie kann ich einen Lippenherpes-Ausbruch vermeiden?

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Der zuverlässigste Schutz vor einem Ausbruch ist ein gesundes Immunsystem, da bei diesen Menschen der Lippenherpes nur selten zurückkehrt. Zahlreiche Faktoren können unser Abwehrsystem schwächen. So kann eine andere Hauterkrankung, z.B. Neurodermitis, oder die Einnahme von manchen Medikamenten die Immunabwehr herabsetzen. Weitere Risikofaktoren für einen chronischen Lippenherpes-Ausbruch sind4:

  • starkes UV-Licht (z.B. ein Sonnenbad)
  • Erkältungen und grippale Infekte
  • Stress
  • kleine Verletzungen im Mundbereich (z.B. trockene Lippen)
  • Menstruation
  • bestimmte Therapien, die die Immunabwehr schwächen (z.B. Kortison oder Chemotherapie)

THERAPIE

Von Hausmittel bis zur Impfung

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Lippenherpes gilt als einfache Erkrankung, die ohne Behandlung nach etwa zwei Wochen ausheilt. Mit einer Therapie kann die Dauer des Ausbruchs etwas verkürzt werden. Wenden Sie Ihre bevorzugte Behandlung bereits beim ersten Kribbeln an, können Sie die Schwere des Lippenherpes-Ausbruchs abmildern oder das Auftreten der Herpesbläschen sogar ganz verhindern.

Die meisten Medikamente und Heilmittel sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.

Bei chronischem Lippenherpes können verschreibungspflichtige Medikamente helfen

Leiden Sie aber an einem chronisch wiederkehrenden Lippenherpes, ist die Situation eine ganz andere. Denn manchmal muss ein Arzt ein stärker dosiertes Virostatikum verordnen. Oder Sie leiden an einer zusätzlichen Erkrankung, die mitbehandelt werden muss. In einigen Fällen reichen auch die Standardmedikamente nicht mehr aus und die Behandlungsmöglichkeiten sind erschöpft. Denn derzeit gibt es nur begrenzte Möglichkeiten, Lippenherpes medikamentös zu kontrollieren.

Aktuell werden neue Medikamente entwickelt, aber eine Impfung gibt es noch nicht

Forscher arbeiten an neuen Lösungen, um Herpesviren zu bekämpfen. So gibt es mittlerweile bereits eine Schutzimpfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster)8, aber noch keine gegen HSV-1 oder HSV-2. In verschiedenen Studien werden auch neue Wirkstoffe gegen Herpes simplex untersucht. Aktuell findet eine klinische Prüfung statt, um die Wirkung eines Antikörpers gegen HSV-1 zu prüfen. Möglicherweise könnte er langfristig Menschen mit chronischem Lippenherpes helfen.

Nicht-medikamentöse Therapien und Hausmittel

Pflanzliche Mittel

Teebaumöl oder Honig besitzen eine desinfizierende Wirkung, weshalb sie gerne bei verschiedenen Hauterkrankungen als Hausmittel beliebt sind. Bei einer systemischen Virostatika-Therapie, d.h. wenn bei Lippenherpes beispielsweise Tabletten geschluckt werden, können diese Mittel ergänzend auf die Haut aufgetragen werden, um die Symptome zu lindern. Ein wissenschaftlicher Nachweis der Wirksamkeit liegt allerdings nicht vor.

Zahnpasta

Einige Betroffene schwören auf Zahnpasta als Mittel gegen Herpes. Denn das darin enthaltene Zink ist nicht nur desinfizierend, sondern trocknet auch nässende Bläschen aus. Allerdings besteht Zahnpasta aus mehr als nur Zink. Viele der darin enthaltenen Mittel können die Haut reizen und die Entzündung verschlimmern. Daher ist es ratsamer, besser Zinksalben aus der Apotheke zu verwenden.

Herpes Patches

Völlig ohne Wirkstoffe kommen sogenannte Herpes Patches aus, die einem Blasenpflaster gleichen. Sie basieren auf dem Wirkprinzip der feuchten Wundheilung. Das Pflaster schützt die offenen Herpesbläschen vor bakteriellen Infektionen von außen. Gleichzeitig saugt die spezielle Membran des Pflasters die Flüssigkeit auf. Dadurch wird das Ansteckungsrisiko gesenkt. Es ist nicht zu empfehlen diese Pflaster mit Make-up oder Lippenstift zu überschminken. Dadurch können Viren in die Kosmetika gelangen und man trägt sie beim nächsten Benutzen wieder auf.  So können häufig Ausbrüche auftreten.

Hitzestift

Eine physikalische Alternative zu wirkstoffhaltigen Medikamenten ist die Hitzetherapie, auch bekannt als lokale Hyperthermie. Hohe Temperaturen wirken auf die entzündeten Stellen und rufen eine Immunantwort hervor. Die Entzündungsreaktion verläuft milder. Wird die lokale Hyperthermie bereits beim ersten Kribbeln angewendet, kann es der Bildung von Herpesbläschen entgegenwirken.

Antivirale Therapien

Topische Medikamente

Am häufigsten wird bei der Behandlung von Lippenherpes eine lokale Therapie (auch topische Therapie genannt) angewendet. Das bedeutet, dass das Medikament auf die Haut aufgetragen wird. Die in Apotheken erhältlichen Cremes und Salben gegen Lippenherpes enthalten meistens einen antiviralen Wirkstoff, der gegen das Herpesvirus wirkt. Genauer gesagt handelt es sich in den meisten Fällen um ein Virostatikum7 Es hemmt die Vermehrung der Viren, tötet diese aber nicht ab. Die Cremes und Salben müssen bei einem Ausbruch mehrere Male am Tag aufgetragen werden.

Orale Medikamente

Bei wiederkehrenden Lippenherpes-Ausbrüchen kann es sinnvoll sein, mit dem Arzt über Virostatika in Tablettenform (orale Behandlung) zu sprechen. Der darin enthaltene antivirale Wirkstoff liegt in einer viel höhere­­n Dosis vor als in den rezeptfrei erhältlichen Cremes und Salben. Die Tabletten müssen oft ein- bis zweimal am Tag eingenommen werden. 5

Intravenöse Medikamente

In besonders schlimmen Fällen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, z.B. bei Herpes-Enzephalitis, kann die intravenöse Gabe antiviraler Medikamente die bessere Option sein. 6 Damit ist sichergestellt, dass das Medikament möglichst schnell im Körper ankommt und wirkt.

NEUE BEHANDLUNGEN

Forscher entwickeln neuartige Therapien

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Forscher entwickeln fortlaufend neue Wirkstoffe, auch zur Behandlung von Lippenherpes. Denn die Therapiemöglichkeiten bei Herpes-simplex-Infektionen sind begrenzt. Außerdem nehmen Resistenzen gegen die gängigen Virostatika immer weiter zu.7 Deswegen verfolgen die Wissenschaftler seit einigen Jahren auch neuartige Ansätze, um HSV-1 und HSV-2 besser bekämpfen zu können.

Die Antikörper-Therapie als neuartiger Ansatz

Zu diesen neuartigen Ansätzen zählt auch die Antikörper-Therapie. Hierbei werden spezielle Antikörper im Labor hergestellt, die bestimmte Strukturen auf der Oberfläche ihres Ziels (z.B. von Viren oder Krebszellen) erkennen. Nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip setzen sich die Antikörper auf ihr Ziel fest und inaktivieren dies. Das körpereigene Immunsystem erkennt dann den Fremdkörper und baut diesen ab – ein Mechanismus, der sich von der gängigen Virostatika-Therapie grundlegend unterscheidet. Gesunde Zellen bleiben verschont, da sie die ausgewählten Strukturen nicht besitzen. Deshalb spricht man bei der Antikörper-Therapie auch von einer zielgerichteten Therapie.

Bestimmte Lippenherpes-Patienten können an einer aktuellen klinischen Studie mit einer Antikörper-Therapie teilnehmen

In einer deutschlandweiten klinischen Phase-II-Studie wird gerade die Sicherheit und Wirksamkeit eines neuartigen Antikörpers gegen HSV-1 bei Lippenherpes untersucht. Patienten können jetzt unter bestimmten Voraussetzungen an der Lippenherpes-Studie teilnehmen. Sie haben dabei die Möglichkeit, das neue Prüfmedikament zu erhalten. Wenn Sie Interesse an der Studie haben, erfahren Sie hier mehr dazu:

Weiterführende Informationen

Qualitätsrichtlinie:

Die Erstellung dieses Artikels orientiert sich an der Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation.

Autoren

Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Stellbrink, Birgit Schouren

Medizinischer Review

Dr. Tobias Kruse, Lisa Klein
Datum: 29.05.2020

Referenzen

Alle Referenzen wurden im Mai 2020 abgerufen.

ICD-Codes

Mit ICD-Codes können Ärzte auf der gesamten Welt unabhängig von der Sprache kommunizieren, denn sie legen einheitlich fest, um welche Krankheit es sich handelt. Auch die Kommunikation mit Krankenkassen oder anderen Beschäftigten im Gesundheitswesen wird durch die Verwendung der Codes erleichtert. ICD ist dabei die Abkürzung für „International Classification of Diseases“, zu Deutsch: „Internationale Klassifikation von Krankheiten.“

ICD-Code für Lippenherpes: B00.1

Auch für Lippenherpes gibt es einen bestimmten ICD-Code. Dieser lautet B00.1 – „Dermatitis vesicularis durch Herpesviren“. Die Bezeichnung „B00“ steht dabei für das gesamte Spektrum der Herpesviren-Infektionen. So werden z.B. Herpesinfektionen am Auge mit B00.5 gekennzeichnet.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält generelle Hinweise und Informationen. Er darf keinesfalls zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung verwendet werden. Er ersetzt nicht den Arztbesuch. Für individuelle Fragen kontaktieren Sie bitte Ihren behandelnden Arzt oder Ihre behandelnde Ärztin.

Sie haben Interesse an der Lippenherpes-Studie?

Unter bestimmten Voraussetzungen ist die Teilnahme für Sie möglich.